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Mar del Plastico – Europas Gemüse-Albtraum

In Almería, einer Region im südöstlichen Spanien an der Costa del Sol, wird Europas Gemüse angebaut. 3 Millionen Tonnen spülen von hier Jahr für Jahr in unsere Supermärkte. Die Region macht damit einen Umsatz von zwei Milliarden Euro und ist, gemessen am Pro-Kopf-Einkommen, eine der reichsten Regionen Spaniens. Sonne, Meer und Reichtum. Und doch ist die Region um El Ejido kein Paradies, sondern ein Albtraum. Europas Gemüse-Albtraum – in ökologischer und sozialer Hinsicht.

Mar del Plastico

Die Costa del Sol, die Sonnenküste Spaniens, bietet 3.000 Stunden Sonne im Jahr. Die jährliche Durschnittstemperatur liegt bei 18-19° Celsius. Selbst im Winter sinken die Temperaturen nur knapp unter 10°. Zwei bis drei Ernten im Jahr sind somit kein Problem. Damit aus den vielen Sonnenstunden aber auch das letzte Quäntchen herausgeholt werden kann, findet der Anbau von Gemüse in Foliengewächshäuser statt. So sind bis zu fünf Ernten im Jahr möglich.

Über 12.000 einzelne Betriebe bauen hauptsächlich Tomaten, Gurken, Paprika und Melonen an. Aber auch anderes Gemüse und Schnittblumen finden ihren Platz. Der Platz ist dabei gigantisch: auf 35.000 Hektar wird hier angebaut, was das Zeug hält. Damit man sich diese Dimension wenigstens im Ansatz vorstellen kann: Ein Hektar entspricht in etwa einem Fußballfeld. 35.000 Fußballfelder also, überzogen mit Plastikplanen. Das gab der Region den unrühmlichen Beinamen Mar del Plastico – das Plastikmeer.

Ein so gigantisches Meer von Plantagen verschlingt natürlich Unmengen von Ressourcen: 200 Milliarden Liter Wasser werden pro Jahr verbraucht, knapp 1.500t Pestiziden und ungezählte Tonnen von Dünger. Das eine Agrarindustrie diesen Ausmaßes weitreichende Folgen hat liegt auf der Hand.

Ökologische Auswirkungen

Die Region Almería ist nicht besonders Wasserreich. Zwar fließen unterirdisch die Niederschläge der Sierra Nevada ab, an der Oberfläche herrscht aber das Bild einer tristen Geröllwüste vor. Um hier Landwirtschaft zu betreiben, braucht es neben der Sonne daher vor allem eines: Wasser.

Den unterirdischen Wasserschatz macht man sich mit Brunnen zu Nutze. Zum Teil pumpen sie aus 1.500m Tiefe das Grundwasser an die Oberfläche. Zusätzlich wurden Staudämme errichtet und Wasserleitungen aus dem Norden gebaut. Kurzzeitig war sogar die Umleitung des Ebro im Gespräch. Diese Pläne sind zum Glück aber wieder vom Tisch. Dennoch: Die massenhafte Entnahme von Grundwasser und die Umgestaltung der Landschaft durch Staudämme und Wasserleitungen aus dem Norden hinterlassen unweigerlich ihre Spuren.

Aber nicht nur Wasser ist ein Problem in der Region. Auch der Boden ist von der intensiven Landwirtschaft – falls man “Land-“Wirtschaft überhaupt noch sprechen kann, wenn alles unter Planen wächst – stark belastet. Denn all die Giftstoffe, die auf die Pflanzen aufgebracht werden, müssen irgendwohin. Zwar will uns die Industrie immer wieder weiß machen, dass ihre Pflanzenschutzmittel sich nach kurzer Zeit von selbst abbauen und so keine Belastung für die Umwelt darstellen. Die Realität sieht aber anders aus.

Es heißt, dass der Boden so stark belastet sei, dass alle 2-3 Jahre eine “Entseuchung” des Bodens vorgenommen werden müsse. Selbstverständlich entfolgt diese Entseuchung auch wieder mit Chemikalien…

Wohin mit dem Müll

Neben den Pestiziden und chemischen Düngern gibt es noch eine weitere Giftquelle: Die Treibhäuser selbst. Sie bestehen in alle Regel lediglich aus Draht und Plastikfolie. Deren Haltbarkeit liegt bei schlappen 1-2 Jahren. Danach müssen die Folien entsorgt werden. Das macht 2,5t Plastikmüll pro Hektar und grob gerechnet 35.000t im Jahr für die gesamte Region.

Früher lagerte man diesen Müll offen in großen Deponien. Heute wird ein Teil der Folien recycelt. Klingt erst einmal nicht schlecht, auch wenn die Recyclingquote lange nicht bei 100% liegt. Das Recycling, das unter unter hohem Energieaufwand geschieht, bringt uns gleich zum nächsten Punkt, den Energieverbrauch.

Energie: Heizung und Kühlung

Man könnte meinen, in Almería wächst dank des günstigen Klimas das Gemüse wie von selbst – abgesehen von den erwähnten Düngern und den in der Monokultur notwendigen Giften. Tatsächlich reichen die Temperaturen im Winter selbst in Gewächshäusern nicht ganz für wärmeliebende Pflanzen, wie Tomaten. Folglich sind etliche Plantagen mit Heizungen ausgestattet, die in an den kältesten Tagen im Jahr zusätzliche Wärme bringen.

Das wird nur getoppt von der Idiotie, die im Sommer angesagt ist: Kühlung! Denn unter den Planen können Temperaturen von über 50° Celsius entstehen, was auf Dauer auch die wärmehungrigste Tomate nicht verträgt. So sind neben den Heiz- auch Kühlanlagen in den Gewächshäusern untergebracht.

Ganz nebenbei schaffen die vielen Quadratkilometer Plastik ihr eigenes Mikroklima in der Region. Durch die warme, aufsteigende Luft wird die Wolkenbildung verhindert. Noch mehr Sonne, noch weniger Niederschläge, noch mehr Hitze sind die Folge.

Soziale Auswirkungen

Die ökologischen Auswirkungen von Monokulturen dieser Art sind hinlänglich bekannt. Ein ganz anderer Aspekt, der oft übersehen wird, sind die sozialen Auswirkungen. Ich erwähnte zwar bereits, dass die Region umAlmería durch den Gemüseanbau zu respektablen Reichtum gekommen ist. Aber wo es Licht gibt, da muss (?) auch Dunkelheit sein.

Längst reicht die einheimische Arbeitskraft nicht mehr aus, jährlich Millionen von Tonnen Gemüse zu ernten. Viele der Arbeiter stammen daher aus dem nahen Nord- und Westafrika. Wie überall auf der Welt – fassen wir uns ruhig einmal an unsere eigene Nase – will niemand sein Stück vom Kuchen abgeben.

Die in den Plantagen beschäftigten Arbeiter (ca. 30.000) verdienen oft nur einen Hungerlohn. Sie leben unter den erbärmlichsten Bedingungen in Hütten aus zerrissenen Plastikplanen (von denen gibt es ja genug inAlmería). Noch dazu kommt, dass viele von Ihnen – man schätzt bis zu 10.000 Arbeitern – illegal im Land sind und so der Willkür der Plantagenbesitzer schutzlos ausgeliefert sind. Das ist das Bild von moderner Sklaverei.

Neben den prekären Lebensumständen haben die Immigranten auch keinerlei Absicherung im Krankheitsfall. Und der ist nicht selten. Die Arbeit in den mit Pestiziden verseuchten Plantagen führt immer wieder zu Vergiftungen, ja sogar Todesfälle soll es deshalb schon gegeben haben.

Tote gab es auch im Jahr 2000, als aufgebrachte Einwohner von El Ejido regelrecht Jagd auf Marokkaner machten. Im Vorfeld war es zu einem Mord an drei Einheimischen gekommen. In der Folge wütete ein regelrechtes Pogrom: Unterkünfte und die wenigen marokkanischen Geschäfte, die es in dem Ort gab, wurden geplündert und niedergebrannt. Die Ausschreitungen richtet sich gezielt gegen die Marokkanischen Gastarbeiter. Erst nach zwei Tagen Schritt die Polizei ein und machte dem Spuk ein Ende.

Meine Alternativen?

Gerne verschließen wir – und da schließe ich mich mit einem schlechten Gewissen ein – die Augen vor den ökologischen Folgen, die unser Hunger nach “frischem” Gemüse zu jeder Jahreszeit hat. Dass auch die sozialen Folgen derart katastrophal sein können, war mir lange Zeit nicht bewusst.

Natürlich frage ich mich jetzt, was ich aus der Geschichte von Almería lernen kann? Wie kann ich meinen Beitrag leisten, das soziale Elend und die ökologischen Verbrechen zu mildern? Diese Frage stellt sich nicht nur nur im Zusammenhang mit dem Mar del Plastico. Auch andernorts hat der industrielle Maßstab der Lebensmittelproduktion nicht mehr tragbare Konsequenzen.

Eine Möglichkeit ist sicherlich der konsequente Blick auf die Herkunft von Obst und Gemüse und das Achten auf zertifizierte Produkte. Aber mein Vertrauen in Öko-Siegel ist nicht sehr groß – auch Almería produziert mittlerweile “bio”.

Denke ich ein wenig weiter, kommen mir vor allem zwei alternativen in Betracht: saisonale, einheimische Produkte kaufen und ein wenig mehr Selbstversorgung. Dazu in einem anderen Beitrag mehr.

Links

Leider ist der Beitrag etwas lang geraten und doch zu kurz. Es gäbe noch so viel mehr zu dem Mar del Plastico zu sagen. Ein ganz großes Versagen meinerseits war auch der Verzicht auf ordentliche Quellenangaben im Text. Wer aber des Lesens noch nicht müde ist und mehr erfahren will (oder es auch einfach nur nicht glauben kann), dem sei die folgende Linkliste ans Herz gelegt.

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